Solararchitektur in Europa
Die Solararchitektur in den USA habe ich am Anfang des
20. Jahrhunderts mit der „Solar Box“ des Bostoner Architekt William Atkinson beginnen
lassen. Was Europa betrifft, so haben sich Architekten, Ingenieure und Ärzte
seit der Renaissance mit der besten Ausrichtung der Gebäude nach der Sonne
beschäftigt und sind zum Schluss gekommen, dass in Europa die beste
Orientierung die Südausrichtung sei. (siehe meinen Blog zur Geschichte des
klimatischen Bauens). Das wusste man aber schon lange vor der Renaissance. Nur
in Ermangelung von Fensterglas blieben die Gebäude weitgehend ohne
Lichtöffnungen.
Die
Solarhäuser des Architekten Rolf Disch in der Siedlung „Am Schlierberg“ in
Freiburg im Breisgau (Foto: Rolf Disch)
Als man dann über billigeres und besseres Flachglas
verfügte wurden die Lichtöffnungen grösser und man freute sich über die Wärme, die
im Innern erzeugt wird wenn die Sonne
durchs Fenster scheint. Aus Erfahrung wusste man, dass Stein- und Ziegelmauerwerk
diese Wärme länger speichert als Holz und dass Stroh wärmedämmende
Eigenschaften hat. Man wusste aber auch, dass im Winter die Sonne die Ofen- und
Kaminheizung nicht ersetzt.
Die Ausrichtung von Gebäuden nach Süden ist jedoch noch
keine Solararchitektur, denn Solararchitektur hat zum Ziel, den Energiebedarf
von Gebäuden hauptsächlich mit Sonnenenergie zu decken.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wusste man überhaupt nicht
genau, was Wärme im physikalischen Sinn ist.
Die Thermodynamik oder Wärmelehre ist
ein Kind des 19.Jahrhunderts und erst mit ihr wurden thermische Prozesse mess-
und berechenbar. Natürlich wusste man, dass Sonnenstrahlung Gegenstände
erwärmt, aber vor dem 19. Jahrhundert wusste man nicht, dass Sonnenlicht (kurzwellige
Strahlung) eine elektromagnetische Energie ist und wie dieses Licht in Wärme (langwellige
Strahlung) umgewandelt wird.
Das grosse Problem der Wärme
ist ihre Flüchtigkeit. Von einem höheren Energiezustand (Temperatur) gleitet
sie stets in einen niederen ab, sofern nicht neue Energie zugeführt wird.
Deshalb ist das Hauptproblem der Solararchitektur nicht das der Wärmegewinnung,
sondern das der Wärmespeicherung. Und auf diesem Gebiet hat es an Versuchen
nicht gefehlt.
Zu den frühen Beispielen europäischer Solararchitektur gehören
die Versuche, die der
französische Chemiker, Physiker und Höhlenforschers Felix Trombe (1906-1985) in
den östlichen Pyrenäen anstellte. Zusammen mit dem Architekt Jacques Michel baute er dort zwischen
1956 und 1974 eine Reihe von “maisons solaires“ um verschiedene Arten von Wärmegewinnung
und -speicherung zu untersuchen.
Ausgelöst
durch die Ölkrisen von 1973 und 1979/80 wurden seit den 70er
Jahren schrittweise immer schärfere
Gesetze erlassen, um den Energiebedarf von Gebäuden zu verringern, insbesondere
durch eine immer effizienteren Wärmedämmung. Eines der Hauptziele der
staatlichen Energiepolitik war die Verringerung des allgemeinen Energiebedarfs,
insbesondere des Heizungsbedarfs von
Gebäuden, der in Mittel- und Nordeuropa eine grosse Rolle spielt. Diese
Energiepolitik gab der Herstellung von Wärmedämmstoffen enormen Auftrieb.
Die
beiden Erdölkrisen waren jedoch bald vergessen. Zwar stieg der Erdölpreis zwischenzeitlich
(3. Juli 2008) auf 144 Dollar pro Barrel (159 Liter) sank aber im gleichen Jahr
(26. Dezember 2008) wieder auf unter 40 Dollar und liegt gegenwärtig bei etwa 50
Dollar pro Barrel. Heute steht mehr billiges Erdöl zur Verfügung als gebraucht
wird. Die Gründe: Umstellung der Wärmeerzeugung von Erdöl auf Erdgas,
Erschliessung neuer Erdöl- und Erdgaslager dank neuer Fördertechnologien
(Tiefseebohrungen, Fracking), Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden und
Transportsystemen.
Die
Notwendigkeit einer Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden wird heute nicht
mehr mit der Knappheit von Erdöl und Erdgas begründet wie in den 70er und 80er
Jahren als man befürchtete, die Weltreserven konnten bald aufgebraucht sein. Inzwischen
hat man zur Aufrechterhaltung und Begründung der Energiesparpolitik die Mär vom
supergefährlichen Klimawandel und einer zu erwartenden Klimakatastrophe erfunden.
Die
Ursache dieses bedrohlichen Klimawandels glaubt man in der Emission von
Kohlendioxid (CO2) erkannt zu haben, die mit jeder Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas
verbunden ist und die zu einer Erwärmung der Atmosphäre führt. Diese globale
Erwärmung glaubt man heute auf zwei Grad beschränken zu müssen, obwohl 3-4 Grad
bis zum Ende des Jahrhunderts wahrscheinlicher sind, falls sich der hypothetische
Zusammenhang zwischen Erwärmung und CO2-Konzentration in der Atmosphäre bestätigen
sollte.
Dieses
Klimaziel will man durch eine drastische Reduzierung der CO2-Ausstosses, d.h.
durch eine drastische Einschränkung des Verbrauchs von Kohle, Erdöl und Erdgas erreichen.
Deshalb sollen nun alle neuen Gebäude hochgradig energieeffizient sein, d.h.
eine Superwärmedämmung besitzen und möglichst nur noch Elektrizität
verbrauchen, die aus Wind- und Sonnenenergie gewonnen wurde.
Einen
wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Energieeffizienz von Gebäuden leisteten in den 80er Jahren der schwedische Architekt Hans Eek und der
deutsche Physiker Wolfgang
Feist mit der Entwicklung des Passivhauskonzeptes.
Ein Passivhaus ist ein Gebäude dessen
jährlicher Wärmebedarf 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter beheizter Fläche (15
kWh/m2a) nicht überschreitet, was ermöglicht auf eine konventionelle
Heizanlage zu verzichten und die Räume allein über das Lüftungssystem mit
normal warmer Luft zu beheizen. Passivhäuser sind gegenwärtig die
energieeffizientesten Gebäude.
Zum Vergleich: im Durchschnitt verbraucht
eine Wohnung in Deutschland <175 kWh/m2a (Wärmeschutzverordnung WSVO 1995),
also mehr als zehnmal so viel wie ein Passivhaus. Gebäude, die der WSVO von
1977 entsprechen, verbrauchen sogar <400 kWh/m2a.
Der Energiestandard eines
Passivhauses wird in Mittel- und Nordeuropa durch folgende allgemeine
Vorkehrungen erreicht, welche die winterlichen Wärmeverluste drastisch
einschränken:1) Ausrichtung der
Wohnräume gegen Süden (solare Wärmegewinne); 2) möglichst geringe Abkühlungsfläche
= optimales Verhältnis zwischen Aussenfläche und Volumen des Gebäudes (A/V); 3)
hocheffiziente Wärmedämmung und Luftdichtigkeit der Gebäudehülle; 4) Spezialfenster
mit Dreifach-Isolier-Verglasung; 5) mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung.
Seit 1991 wurden in
Europa Tausende von Gebäuden im Passivhausstandard errichtet. Anfänglich waren
die Baukosten dieser Gebäude wesentlich höher als die vergleichbarer
konventioneller Bauten. Weil aber die Bauindustrie sich auf den neuen
Energiestandard eingestellt hat, ist die Nachfrage enorm gestiegen und haben
sich die Baukosten von Passivhäusern bis heute drastisch verringert. Zudem wird
dieser Standard von der Europäischen Union gefördert und ist in manchen Ländern
sogar vorgeschrieben.
Heute
ist man sogar noch einen Schritt weiter. Der neue Standard heisst „Passivhaus
Plus“ und bezeichnet ein Gebäude, das dank Photovoltaik-Anlagen mehr Energie
produziert als es verbraucht. Ein solches Gebäude ist zugleich ein kleines
Kraftwerk.

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